'Die lange Reise der Zombies'. Vortrag im Völkerkundemuseum Hamburg

Vortrag im Museum für Völkerkunde: Die lange Reise der Zombies

Ob die ‚Nacht der Lebenden Toten‘, ‚The Walking Dead‘ oder ‚World War Z‘, Zombies sind aus unsere Unterhaltungsindustrie kaum wegzudenken. Aber woher kommt die Figur des Zombies und was fasziniert uns so an diesen humpelnden, hirnlosen Gesellen? Renommierte Religionswissenschaftler, Ethnologen und Medienwissenschaftler widmeten den Untoten mit haitianischen Wurzeln sogar einen ganzen Tag im Völkerkundemuseum Hamburg.

Die Voodoo-Zombies aus Haiti

Was fasziniert und so an Zombies und wo kommen sie her? Ursprünglich ist dieses Phänomen wohl dem westafrikanischen Voodookult entsprungen. Durch den transatlantischen Sklavenhandel ist der Kult bis in die Karibik gelangt, genauer sagt auf die damals französische Sklavenkolonie Haiti. Insbesondere in Bezug auf die Kolonialgeschichte Haitis wurde die Figur des Zombies als Parabel auf den sozialen Tod in der Sklaverei gelesen. Denn auch der Sklave verliert seine Sprache und seine Selbstbestimmung ebenso wie der willenlose Zombie.

Gefangene Seelen in Flaschen

Bis heute versteht man auf Haiti einem Zombie als Person die nach ihrem Tod beerdigt wurde und dann durch einen bòkò (Magier) ausgegraben und sozusagen wiedererweckt wird. Fortan besitzt die Person aber keinen eigenen Willen mehr, sondern handelt von nun an nur noch im Auftrag des Magiers. Das haitianische Seelenmodell geht davon aus, dass die Seele aus verschiedenen Teilen besteht, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Ein Seelenteil beherbergt die Willenskraft einer Person. Ein Magier stiehlt demzufolge einen Teil der Seele des Betroffenen, sperrt sie in eine Flasche ein und kann fortan den Verstorbenen als lebenden Toten und willenlosen Sklaven benutzen.

Ethnologe Henning Christoph vom Voodoomuseum Essen stellt genau so eine Seelenflasche während des Podiumsgespräches im Museum für Völkerkunde vor, die er von einen seiner zahlreichen Reisen in Afrika mitbrachte. Die gefangene Seele stamme von einem geisteskranken Verstorbenen und sorge bei Bedarf dafür diesen Wahnsinn auch auf andere Widersacher zu verbreiten, sagt Christoph. Auch unter aufgeklärten Europäern sorgt dieses Exponat für Unbehagen. Fragen tauchen auf, wie: „Was passiert denn wenn ihnen die Flasche herunterfällt? Werden wir dann alle wahnsinnig?“. Der Ethnologe sagt zu diesem Thema nur, dass die anderen Anwesenden dann wohl Pech hätten, er selbst hätte ja seinen Schutz gegen den bösen Zauber dabei.

Beweise für eine historisch belegbare Zombifizierung

Dr. Julia Dombrowski vom Museum für Völkerkunde erklärt, dass man Zombies in zwei Arten klassifizieren könne, zum einen gäbe es die ‚zombi astrale‘ und zum anderen die ‚zombi cadavre‘, also einen seelischen und einen körperlichen Zombie. In der religiösen Wirklichkeit sei ein Zombie keine mythische Figur, sondern eine ehemals lebendige Person die erst durch das Einwirken eines Magiers zu einem lebenden Toten gemacht wurde. Sie berichtet zudem, dass historisch belegbare Fälle einer Zombiefizierung nicht gefunden werden konnten. Trotz fehlender Indizien darauf, dass jemals wirklich eine Person von einem Magier zombifiziert wurde, gehört die Figur zur religiösen Wirklichkeit des Voodoo.

Zombies sind die neuen Terroristen

Durch die erneute Besetzung Haitis 1934, diesmal durch die Amerikaner, fand das Phänomen der wandelnden Untoten seinen Weg zu uns. Während die Vorstellung von einem Zombie in Haiti Angst und Schrecken verbreitete, wurde es bei uns zum Unterhaltungsphänomen, dass die Kinosäle seit dem 30er Jahren füllte.
Die amerikanische Serie ‚The Walking Dead‘ gehört mit zu den erfolgreichsten Serien des Horrorgenres, die in der letzter Zeit gedreht wurden. Zum Inhalt: Die Welt wird von einer Viruserkrankung bedroht, die Menschen in Untote, in ‚Zombies‘ verwandelt. Das Leitthema für die Überlebenden wird die Suche nach Sicherheit und der Kampf gegen die vor sich hinfaulenden Infizierten. ‚The Walking Dead‘ zeugt von der Bedeutung von Gemeinschaftsbildung in Zeiten äußerer Bedrohung. Dass Viren für die massenhafte Verbreitung von Zombies in den USA verantwortlich sind, spiegelt eine ganz reale Angst der Amerikaner vor einem terroristischen Anschlag mit Biowaffen wieder, sagt die Medienwissenschaftlerin Dr. Joan Bleicher von der Universität Hamburg, während ihres Vortrags zur Medienfigur Zombie.

George Romero bereichert den Zombie um den Kannibalismus-Aspekt

Als Großmeister des Zombiefilms gilt George Romeros mit seinem ‚Night of the Living Dead‘ (1968). 1999 wurde dieses Werk sogar in das Videoarchiv der Bibliothek des amerikanischen Kongresses aufgenommen worden. Seine Filme sind klassische Katastrophenfilme die sich ebenso wie ‚The Walkind Dead‘ um den Themenbereich Viren und Ansteckung drehen. Im Gegensatz zum haitianischen Vorbild des Zombies bemerkt man hier eine zunehmende ‚Kadaverisierung‘ die bis ins Groteske überzeichnet wird. Auch der Kannibalismus tritt hinzu, der den Zombie mit der Figur des Vampirs verbindet. Der Zombie benötigt menschliches Fleisch zum Überleben, der Vampir das Blut von Lebenden. Damit überschreitet die Figur des Untoten soziale sowie ethische Grenzen.

Die Faszination an Zombies ist dabei kein zeitgebundenes Phänomen, merkt die Medienwissenschaftlerin an. Vielmehr sei es ein zyklisch auftauchendes Phänomen, dass bevorzugt in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche auftauche und dem Gefühl einer äußeren Bedrohung Ausdruck verleihe. Auch Romero sagte in einem Interview mit Spiegel Online, dass in seinem Verständnis ein Film auch immer die Zeit reflektieren solle in der sie gedreht wurde. Also auch eine Terrorbedrohung auffassen solle.
Die Faszination an Zombies bleibt bei Filmfans ungebrochen, denn er lässt sich einfach nicht zuordnen, er schwankt zwischen Leben und Tod, ist weder Subjekt noch Objekt und er ist Mensch und irgendwie auch nicht mehr.
Abschliessen möchte ich mit einem Gedankenspiel, dass einer der Besucher der Vorträge anregte. Ihn interessierte die Frage, ob man denn sagen könnte warum Frauen eher Vampire und Männer eher Zombies bevorzugen würden? Und weiter – Kann man denn sagen dass Frauen Monster mit Gehirn und Männer eher Monster ohne Gehirn bevorzugen würden? Die Medienwissenschaftlerin lacht nur und sagt: „Ja ich glaube das können wir so stehen lassen.“

 

Autorin: Judith Behnk