Von der Befreiung des Körpers „Die nackte Wahrheit und anderes“ Aktfotografie um 1900

Seit Anbeginn der Fotografie, wird auch der nackte menschliche Körper abgelichtet. Mal inszeniert, mal wie zufällig aufgenommen.

In einer großartigen Ausstellung im Museum für Fotografie Berlin, kann man nun den Beginn und die Verbreitung der Aktfotografie mitverfolgen. Die Ausstellung zeigt einen Überblick über die verschiedenen Bereiche in denen die Aktfotografie um 1900 zum Tragen kommt: Pornografie, medizinische und ethnographische Dokumentation, sportliche Bewegungsstudien und als politischer Befreiungsakt der deutschen Freikörperkultur.

Im Zuge der deutschen Reformbewegung entwickeln sich Freikörperkulte, denen das nackte Lichtbad zur Erhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit dient. Die unbekleidete Bewegung in der freien Natur, ist der strikte Protest gegen die körperfeindliche wilhelminische Kultur mit ihren Korsetts und hoch geschlossenen Kleidungsstücken. Der Mensch befreit sich nicht nur von der Kleidung, sondern auch von sozialen Zwängen und Dogmen. Die Gesundheit des menschlichen Körpers und gesunde Ernährung wie Vegetarismus gewinnen an Bedeutung. Die Rückkehr zu Natur gilt, in Anlehnung an den Philosophen Jean-Jacques Rousseau, bei vielen Reformbewegungen als einziges Mittel gegen die gestressten überzivilisierten Großstädternerven.

Aber nicht nur politischer Protest, sondern auch der pure Sinnengenuss tragen zu der starken öffentlichen Verbreitung von Aktfotografie bei. Oftmals unter dem Vorwand der Kunst oder Wissenschaft, finden die Bilder massenhafte Verbreitung. Eine der bedeutendsten Vertreter der den menschlichen nackten Körper im antikisierenden Idyll inszenierte, war Wilhelm Gloeden. Viele Privatpersonen legen Alben mit Aktfotografien, Postkarten, Karikaturen und erotischen Zeichnungen an. Die Bilder werden gesammelt, getauscht und gehandelt.

Der nackte Körper ist Anfang des 20. Jahrhunderts in Büchern, Zeitschriften, auf Sammelbildern, Plakaten und Postkarten präsent und wird zum Mittel der Vermittlung. Der Beginn der Vermarktung der Nacktheit für die Werbung hat begonnen. ‚Sex sells‘, schon damals.

Viele Künstler nutzen die Aktfotografie als Ersatz für einen lebenden Akt, da dies wesentlich preisgünstiger ist. Viele Gemälde und Skulpturen lassen sich direkt auf Fotomotive zurückverfolgen. Doch einfach hatten es die Freunde der Aktfotografie nicht, gerade in Deutschland wurde durch den ‚Lex Heinze‘ Paragraphen die Öffentlichkeit von unsittlicher Pornografie gesäubert. Abertausende Fotos wurden durch die Polizei beschlagnahmt.

Einen Überblick über das breite Spektrum an fotografischer Aktfotografie um 1900 erhält man noch bis zum 25. August 2013 im Museum für Fotografie Berlin.

 

Ein Ausstellungskatalog ist zum Preis von 44 Euro im Museum erhältlich.

Autorin: Judith Behnk

Quelle: Staatliche Museen zu Berlin