Das Leben jeden Tag neu erfinden

Die Hamburger Siebdruckkünstlerin Soraya Tabatabai erzählt im Interview wie sie die Veränderungen in St. Georg wahrnimmt und wie schwierig es oftmals ist, Kunst, Kohle, Kinder und Köter unter einen Hut zu bekommen.

Wieso heißt dein offenes Atelier „Formhotel“?

Soraya Tabatabai: Ich habe lange nach einem Namen gesucht. In St. Georg gibt es viele Hotels und so bin ich auf „Formhotel“ gekommen. Also ein Ort an dem Formen und Kunst ebenso wie die Touristen in Hamburg kurz aufbewahrt werden.

Wielange arbeitest du schon künstlerisch in  St. Georg?

Soraya Tabatabai: Im Oktober sind es zehn Jahre. Ich hatte früher ein Atelier in Eimsbüttel, aber dessen Räume waren sehr feucht. Eines Tages kam ich mit dem Fahrrad an den Räumen meines heutigen Ateliers vorbei. Ich habe gleich gesehen, das wäre ein Traum. Die Räume standen leer und so habe ich gleich beim Vermieter angerufen, obwohl ich nicht gedacht hätte, dass ich den Zuschlag bekomme. So ohne Absicherung und ohne geregeltes Einkommen als selbstständige Künstlerin. Bei der Besichtigung habe ich gar nicht gesagt, was ich mache sondern habe ihm einfach meine Mappe gegeben. Er hat sich die Sachen angeschaut und dann mit einem Lächeln gesagt, so etwas könne St. Georg richtig gut gebrauchen.

In den letzten Jahren hat sich der Stadtteil und insbesondere die Lange Reihe ja immer mehr zum In-Viertel verändert. Nun bist du auch schon seit zehn Jahren in St. Georg, wie nimmst du die Veränderungen hier wahr?

Soraya Tabatabai: Ich liebe St. Georg. Ich mag diese Mischung aus Familien, Kindern und älteren Leuten, die schon länger hier wohnen. Die homosexuelle Szene ist sehr schön bunt und offen. Aber es ist schon teurer und schicker geworden. Es gibt jede Menge teure Klamottenläden und andere exklusive Geschäfte, mit denen ich nichts anfangen kann. In der Langen Reihe kann man nicht einkaufen, ohne das Teuerste zu nehmen. Es gibt einen einzigen Supermarkt, der ist auch sehr teuer. Das ist wirklich nicht schön.

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Wie würdest du die Ausrichtung deiner Kunst beschreiben? Was genau machst du in deinem Atelier?

Soraya Tabatabai: Ich habe Textildesign studiert und während des Studiums habe ich Siebdruckkurse belegt. Nach dem Studium wusste ich, das ist genau mein Ding und habe mich fast sofort selbstständig gemacht. Ich habe mir die Gerätschaften besorgt und fing an zu arbeiten. Zuerst nur für mich, später fing ich an, Wochenendkurse anzubieten. Um Siebdruck zu machen, braucht man keine großartigen Vorkenntnisse. Das macht es interessant für Leute, die Siebdruck ausprobieren wollen, aber auch für Künstler, die sonst Malen oder Zeichnen. Es ist eine einfache Drucktechnik, bei der man Schicht für Schicht arbeiten kann. Man kann sehr schlichte Sachen machen oder sehr komplizierte Kollagen. Für die Workshop-Teilnehmer ist es außerdem schön am Ende etwas mit nach Hause nehmen zu können.

Ich selbst arbeite viel im Dekobereich, vor allem branchenbezogene Raumgestaltung wie zum Beispiel Praxisräume. Die Kunden geben mir dann eine ungefähre Richtung vor. Ich habe auch schon medizinische oder technische Zeichnungen künstlerisch umgesetzt.

Also kannst du mit der Kunst deinen Lebensunterhalt verdienen und dich gleichzeitig künstlerisch ausdrucken? Ist es dabei ein Vorteil, dass Siebdruck eine Kunstform ist, die auf Gebrauchsgegenständen wie Taschen oder T-Shirts Platz findet? Erreichst du damit vielleicht auch Menschen, die sonst nicht soviel mit Kunst zu tun haben?

Soraya Tabatabai: Natürlich. In dieser Form ist es ja auch eher Design. Wenn ich wochenlang an einem Bild arbeite, dann ist es künstlerische Arbeit. Wenn ich meine Kurse anbiete ist es eher kreatives Design.

War es ein großer Schritt, dich ganz und gar für die Kunst zu entscheiden? Als selbstständige Künstlerin ist es sicher nicht immer leicht. Machst du dir Gedanken über deine Zukunft?

Soraya Tabatabai: Eigentlich tue ich das tagtäglich. Mein Mann und ich sagen immer, dass wir das Leben jeden Tag neu erfinden. Das ist sehr schön, aber ebenso unsicher. Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen und ein geregeltes Einkommen haben, das ist ein ganz anderes Leben. Aber es ist schön, so frei zu sein, sich zu verwirklichen. Ich würde das nicht tauschen wollen. Aber es es gibt bestimmt Leute, die würden auch nicht mit mir tauschen wollen. Mit dieser Unsicherheit können viele Menschen nicht leben. Nicht in Deutschland.

Die Siebdruckkünstlerin Soraya Tabatabai bei der Arbeit in ihrem Atelier in Hamburg St. Georg. ©Judith Behnk
Die Siebdruckkünstlerin Soraya Tabatabai bei der Arbeit in ihrem Atelier in Hamburg St. Georg. ©Judith Behnk

Wie schwer ist es aus deiner Sicht, sich in Hamburg als Künstler zu etablieren?

Soraya Tabatabai: Man hat als Künstler sehr schlechte Chancen. Die Kunst hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer Art Wertanlage entwickelt. Menschen kaufen berühmte Kunstwerke für horrende Preise als Wertanlage, um es irgendwann für das Zehnfache zu verkaufen. Aber deshalb ist es noch keine gute Kunst, die uns berührt oder weiterbringt auf unserem Weg. Viele gute, kreative Künstler bekommen leider keine Anerkennung. Nicht gesehen zu werden, ist sehr traurig.

Künstler haben es also in der Hansestadt ganz schön schwer. Wie nimmst du  die öffentliche Förderung der Künste wahr? Tut der Hamburger Senat genug, um junge Künstler zu unterstützen? Hast du einen Verbesserungsvorschlag?

Soraya Tabatabai: Da muss auf jeden Fall was gemacht werden. Aber ich habe keine Hoffnung, dass sich etwas ändert. Man sollte bei der Bildung ansetzen, Kindern schon im Grundschulalter künstlerische und kreative Arbeit nahe bringen. Die Anforderungen, die erfüllt werden müssen, um gefördert zu werden sind sehr streng, bürokratisch und zu kompliziert. Der Weg ist sehr, sehr steinig.

Dein Mann arbeitet auch als Künstler, könnt ihr euch gegenseitig inspirieren und unterstützen? Ist es ein Vorteil, dass ihr euch auf verschiedene Arten ausdrückt?

Soraya Tabatabai: Er hilft mir sehr. Und ich halte ihm wiederum den Rücken frei. Ohne beidseitige Unterstützung würden wir das nicht schaffen. Kinder, Kohle, Kunst und Köter unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal sehr hart. Unsere Kunstformen sind aber so unterschiedlich, dass sie sich nicht vermischen können. Trotzdem kann jeder den anderen in seinem Bereich unterstützen.

Was macht für dich die Faszination am Siebdruck aus?

Soraya Tabatabai: Jedes Mal wenn ich etwas drucke, finde ich es spannend und freue mich darüber was da entstanden ist. Es ist immer ein Überraschungsmoment und eine Unsicherheit dabei, das fasziniert mich. Manchmal wird’s eben auch nichts.

Inwieweit beeinflussen Hamburg und seine Motive deine Kunst?

Soraya Tabatabai: Ich liebe Hamburg und ich liebe die Industrieromantik, deshalb habe ich auch viele Hafenmotive gemacht. Faszinierend finde ich die Verbindung von Hafen und Industrie, dass inspiriert mich.

Was kann Kunst heute noch für uns tun und warum ist sie wichtig für uns?

Soraya Tabatabai: Kunst ist etwas, das die Seele berühren kann. Gerade in der heutigen Zeit, in der alles schnell gehen muss und es viel um Geld geht, finde ich etwas wichtig, das unsere Seele berührt und uns vielleicht ein Stück weiterbringt. Ich finde es schön, wenn jemand aus einem Kunstwerk etwas für sich lernen kann, das ihn einen einen Schritt weiterbringt.

Ich würde mir wünschen, dass die Kunst mehr Beachtung findet und dass Künstler besser für ihre Kunst belohnt werden.

Text zuerst erschienen auf hh-mittendrin.de