Kunststätte Bossard. Skulpturengarten. Johann Bossard. © Judith Behnk

Die Kunststätte Bossard: Ein expressionistisches Gesamtkunstwerk

Odin’s geheimer Tempel in der Lüneburger Heide

Auf einem Areal von drei Hektar mitten in der Lüneburger Heide, nahe Jesteburg, erstreckt sich versteckt in einem Wald ein geheimnisvolles expressionistisches Gesamtkunstwerk aus Skulpturen, Malereien, Architektur und Gartenkunst – die Kunststätte Bossard. Der Gründer dieser beeindruckenden Anlage, der Künstler Johann Michael Bossard, strebte Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit seiner Frau hier danach seine Vision einer Vereinigung von Religion, Kunst und Natur umzusetzen.
Skulpturengarten. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk
Skulpturengarten. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk

Er selbst spricht damals von einer „schönheitlichen Quelle und einem Ort der inneren Einkehr“. Bossard wollte hier eine alternative Lebensweise zur industrialisierten führen, ein Schritt zurück zu den Wurzeln der Natur und Selbtversorgung gehen. Seine Suche hatte ein nicht geringeres Ziel als eine bessere Welt zu schaffen.

Johann Bossard, der die Woche über an der staatlichen Kunstgewerbe Schule Hamburg als Lehrer für Bildhauerei beschäftigt war, konnte  nur an den Wochenenden nach Jesteburg kommen um an seiner Kunststätte  weiter zu arbeiten.  Erst nach seiner Pensionierung zog er ganz nach Jesteburg um sich dort voll und ganz seinem künstlerischen Projekt zu widmen.

Meditative Spaziergänge im Fichtenomega

Umgesetzt hat er seine Ideen in der künstlerischen Ausgestaltung des sakral-expressionistischen Tempels und dem sogenannten Eddasaal, in dem die Sagen und Mythen um den nordischen Gott Odin lebendig werden. Im weitläufigen Gartenareal, dass einen so sehr von allem Alltäglichen entdrückt, erwartet den Besucher ein gigantisches aus Fichten gepflanztes Omega, daß bei einem meditativen Gang beschritten werden kann. Gebannt ist der Besucher von all der Ornamentik, Symbolik, Farben- und Formenflut. Vor allem im protestantischen Norden ist man eine derartige positive künstlerische Reizung der Sinne nicht unbedingt gewöhnt.

Expressionistischer Kunsttempel. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk
Expressionistischer Kunsttempel. Kunststätte Bossard. Johann Bossard.
© Judith Behnk

Lebendige Gebäude

Auch die oftmals verbrannten, fast lilalen Backsteine, aus dem die expressionistischen Herbergen dieser großartigen Kunstwerke gebaut sind, sind nicht genormt. Sie scheinen zu leben, Blasen zu werfen, das Licht verschieden zu reflektieren. Unterbrochen wird die Architektur immer wieder durch skurille Gestalten, Fabelwesen, monsterhafte, engelsgleiche Gestalten aus Stein, Ton und Keramik, die sowohl von Johann Bossard als auch von seiner Frau gefertigt wurden.

Sei es nun der Nachkriegszeit geschuldet oder dem fast anarchistischen Drang des Künstlerpaares sich ohne Begrenzungen auszudrücken, hier wurde jedes Mittel und jedes Material genutzt um etwas Profanes in etwas Sakrales zu vewandeln.

Eddasaal. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk.
Eddasaal. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk.

Der Eddasaal – Die sixtinische Kapelle des Nordens

Wenn man den Eddasaal betritt, der zugleich Atelier und Wohnhaus des Künstlerpaares war, stockt einem der Atem, eine schwere Messingtür öffnet sich und der Blick trifft auf ein Arrangement von Keramiken, Skulpturen, Schnitzereien und Malereien. Die Ausmalungen der kompletten Decke lassen an eine sixtinische Kapelle des Nordens denken. Auch jedes der kleinen Fenster ist mit Symbolen und Sagen aus der nordischen Mythologie bemalt. Die Holzschnitzereien stammen zum größten Teil von Jutta Krull, der Frau des Künstlers, während die Malereien und Kupferreliefs von Johann Bossard stammen.

Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk

An der Ostwand zeigen Malereien den thronenden Gott Odin vor der ‚Rune de Geistes‘ und eine Seherein, Mittlerin zwischen den Menschen und den Göttern.

Wir sehen Geschichten in denen Riesen Feuer über die ganze Welt schleudern, personifizieret Jahrenzeiten die das Leben widerspiegeln und Odin der sich an die Weltenesche Yggdrasil hängt um die heiligen Zeichen die Runen zu erhalten.

Die einäugigen Propheten

In der Mitte einer skulpturalen Komposition thront in blau-weiß die Büste des nordischen Gottes Odin, der der Sage nach nur ein Auge besaß, da er das andere opferte um Weisheit zu erlangen. Auch diese Tatsache mag die enge innere Beziehung erklären, die der Künstler Johann Bossard zu dieser mythologischen Gestalt entwickelte, denn auch er war auf einem Auge blind. Durch eine schwere Scharlacherkrankung in der Kindheit verlor er damals die Sehfähigkeit des einen Auges, weshalb er später oft mit Augenklappe malte.

Eddasaal. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk
Eddasaal. Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk

Hauptquelle für die dargestellten Szenen ist die Edda, eine Sammlung vorchristlicher Texte, die im 13. Jahrhundert im christianisierten Island von Mönchen festgehalten wurde. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert galt die Edda als Quelle für die Götterwelt und die heldenhafte Vergangenheit des deutschen Volkes. Die nordischen Sagen gehören in bürgerlichen Kreisen in Deutschland bis 1945 zur Allgemeinbildung.

Bossard und der Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten herrschten schwere Zeiten auch für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Trotz mangelnder Unterstützung, entschied sich das Künstlerpaaar nicht der NSDAP beizutreten und ihre Vision eines besseren Lebens abgeschieden von jeder Zivilisation nach eigenen Kräften zu verwirklichen. Die Nahe Beziehung Bossards zu der nordischen Mythologie, die bekannterweise ja auch von den Nationalsozialisten gebraucht wurde, und die anfänglichen Sympathie mit jenen, wird derzeit wissenschaftlich von einer Forschergruppe aufgearbeitet, die Ergebnisse sollen 2018 präsentiert werden.

Skulpturengarten Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk.
Skulpturengarten Kunststätte Bossard. Johann Bossard. © Judith Behnk.

Aber auch ohne die Edda gelesen zu haben ist eine Besichtigung dieser Anlage berauschend, denn Farben und Formen wirken direkt auf den Besucher und ziehen ihn in seinen Bann. Die Kunststätte zeugt von einem unbändigen Schaffensdrang beider Künstler und einer nahezu unerschöpfliche Quelle der Kreativität. Wer noch tiefer in die Werke von Johann Bossard einsteigen will, kann auf der Webseite der Kunststätte Bossard das Gesamtverzeichnis seines druckgraphischen Werks einsehen.

Öffnungszeiten  der Kunststätte Bossard in der Lüneburger Heide:  März-Oktober Mi-So 11-18 h, November-Februar nur So 11-16 h

Sonderausstellung Otto Pankok

Derzeit ist in der Kunststätte Bossard zudem auch die Sonderausstellung ‚Otto Pankok – Die ganze Welt in Schwarz und Weiß‘ zu sehen. Unter anderen wird der größte Holzschnitt Deutschlands, der auf einer ausrangierten Tür gefertigt wurde gezeigt. Otto Pankok der bereits nach wenigen Monaten seine akademische Laufbahn beendete ist vor allem für seine außergewöhnlich großformatigen Kohlezeichnungen bekannt. Die Ausstellung bietet einen Einblick in das druckgraphische, zeichnerische sowie bildhauerische Werk des Künstlers des expressiven Realismus. Um 1931 richtet sich der Künstler ein Atelier in Heinefeld, einer Arbeitslosen- und Zigeunersiedlung ein. Dort entstehen die einfühlsamen sogenannten  Zigeunerporträts. Die Ausstellung gastiert noch bis zum 8.10.2017 in der Kunststätte Bossard.

Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Skulpturengarten © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Skulpturengarten © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Eddasaal © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Wandmalerei mit der Darstellung des nodrischen Gottes Odin im Eddasaal © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Mosaikboden im Eddasaal © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. © Judith Behnk
Kunststätte Bossard. Skulpturengarten © Judith Behnk
Skulpturale Dekor am Kunsttempel. Johann Bossard. © Judith Behnk.
Skulpturale Dekor am Kunsttempel. Johann Bossard. © Judith Behnk.