Körper/Psyche und Tabu – Wiener Aktionismus

Die Wiener Aktionisten zählen zu einer radikal provokativen Strömung, die Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Anfänge in Wien nahm. Der exponierte menschliche Körper steht bei dieser Künstlergruppe im Mittelpunkt und wird als Ausdrucksmittel gesellschaftlichen und individuellen Protestes genutzt. Das Museum moderner Kunst in Wien widmet dieser künstlerischen Strömung nun die Ausstellung „Körper/Psyche und Tabu“.

Während die Wiener Künstlergruppe ihre Performances zunächst in ihren eigenen Ateliers durchführt, verlagern sie ihr Schaffen bald in den öffentlichen Raum. Hauptanliegen der Gruppe ist der Bruch mit etablierten Konventionen und überkommenen moralischen Vorstellung. Als Mittel dienen ihnen: Nacktheit, Blut, Tierkadaver, Masturbation, Selbstverstümmelung und das Spiel mit menschlichen Exkrementen in der Öffentlichkeit. Dokumentiert werden diese schrägen Happenings filmisch und fotografisch. Der Künstler wird zum Priester, zum stellvertretenden Grenzgänger der die Gesellschaft von Zwängen befreit – die Performance wird zum religiösen Akt.

Revolutionäre Aufbruchsstimmung – Wiener Aktionismus

Die Ausstellung in Wien, wirft einen neuen Blick auf diese Strömung und ihre nicht weniger provokativen Vorläufer Anfang des 20. Jahrhunderts. Werke der Skandalkünstler der 60er Jahre, wie Günter Bres, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogel, werden Werken ihrer Vorgänger Gustav Klimt, Richard Gerstl, Oskar Kokoschka, Max Oppenheimer und Egon Schiele gegenübergestellt. Sie weisen nicht nur stilistische, motivische, sondern auch inhaltliche Parallelen auf. Beide bedienen sich des menschliche Körpers als Spiegelbild der Gesellschaft und als Mittel zur Befreiung von gesellschaftlichen wie auch kulturell etablierten Zwängen. In den 1960er Jahren, sowie zur Zeit der Frühen Wiener Moderne, herrscht revolutionäre Aufbruchsstimmung und der Glaube daran wächst, dass Kunst im Stande ist die Gesellschaft zu verändern.

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Der Künstler als Grenzgänger – Zwischen Genie und Wahnsinn

Der Künstler als Grenzgänger lotet mit seinen Aktionen nicht nur die Untiefen der Gesellschaft aus, sondern vielfach auch seine eignen. Ganz schadlos überstehen einige der Protagonisten der Wiener Aktionisten diesen Tabubruch nicht. Der umstrittene Künstler Otto Muehl, scheitert an seinem  unbedingten Willen der Grenzüberschreitung. Letztendlich führt dies zu sieben Jahre Haft wegen Beischlaf mit Unmündigen, Unzucht und Vergewaltigung, sowie Drogenmissbrauch. Der Erkenntnisgewinn bleibt so manches Mal zweifelhaft.

Provokation geht eben auch ohne Tierkadaver und Exkremente

Während der menschliche nackte Körper in der Werbeindustrie kaum noch wegzudenken ist, scheint er im Alltag immer noch für Empörung zu sorgen. Die zeitgenössische Aktionskünstlerin Milo Moiré stellte dies erneut unter Beweis, als sie unbekleidet mit einem ebenfalls nackten Säugling eine Ausstellung in Münster besuchte. Auch wenn die dargestellten Nymphen, Sirenen und Heiligen auf den Gemälden ebenfalls entblößt waren, schien das lebende Beispiel doch für die meisten zuviel des Guten zu sein. Auch Moiré empfindet sich als Grenzgängerin und sagt: „Ich als Performer und die Anwesenden befinden sich in einem Schwellenzustand. Gewohnte Dinge werden durcheinander geworfen, erzeugen neue Strukturen die Handlungsoptionen schaffen.“

Einen Einblick in die Welt der Wiener Grenzgänger kann man vom 3. März bis zum 16. Mai 2016 im Museum moderner Kunst in Wien gewinnen.

https://www.mumok.at/de/koerper-psyche-tabu


 

Fotos Bilderstrecke: 1. Günter Brus, Malerei – Selbstbemalung – Selbstverstümmelung, 1965,  © Günter Brus, 2016, Foto: mumok. 2. Otto Muehl, Materialaktion Nr. 9, Stilleben – Aktion mit einem weiblichen, einem männlichen und einem Rinderkopf,  © Bildrecht Wien, 2016, Foto: mumok. 3.  Hermann Nitsch, 1. Aktion, 1964, © Bildrecht Wien, 2016, Foto: mumok. 4. Otto Muehl, 14. Aktion, 1965, © Bildrecht Wien, 2016, Foto: mumok. 5. Egon Schiele. Die Umarmung – Liebespaar II, Foto: Österreichische Galerie Belvedere 6. Egon Schiele, Plakat der Schiele-Ausstellung in der Galerie Arnot, Foto: Wien Museum. 7. Rudolf Schwarzkogler, 3. Aktion, Sommer 1965 © Österreichische Ludwig-Stiftung, Foto: mumok